Von Dr. Erwin Kessler

Käfig- und Kastenhaltung von Kaninchen ist eine Tierquälerei, die sich nach neueren wissenschaftlichen Untersuchungen sogar in Skelett-Deformationen äussert, weil die Tiere praktisch immer sitzen müssen und sich nie artgemäss bewegen können. Kaninchen sollten in geräumigen Gruppenställen gehalten werden, die reichhaltig „möbliert“, das heisst mit Nestboxen, erhöhten Flächen, Versteckmöglichkeiten, Stroheinstreu, sowie mit frischen, benagbaren Zweigen ausgestattet sind.

Noch besser ist ein Freigehege, wo die Kaninchen graben, herumhoppeln, rennen, spielen und Luftsprünge vollführen können
Das Hauskaninchen hat das Verhaltensmuster seiner wilden Vorfahren (Wildkaninchen) noch weitgehend bewahrt; es verwildert in der Freiheit rasch und ist keineswegs an ein Leben in Kästen oder Käfigen angepasst.
Auch die oft zu sehenden kleinen, verschiebbaren Ställe genügen nicht für eine artgerechte Tierhaltung – höchstens vorübergehend für 2 bis 3 Jungtiere. Für eine ganze Familie (Zibbe mit Jungen) ist dieser Lebensraum viel zu klein. In der freien Natur ist die Zibbe täglich nur ein bis zweimal für zehn Minuten bei den Jungen, wenn sie diese säugt. In einem kleinen Stall wird sie dagegen ständig von den Jungen bedrängt, wird neurotisch und tötet gelegentlich sogar ihren Nachwuchs.

Kaninchen fühlen sich wohl, wenn sie im Freien graben, herumhoppeln und Luftsprünge vollführen können. Wenn sie schon als „Nutztiere“ gehalten werden, sollten sie es wenigstens in der kurzen Zeit, in der sie leben, schön haben.

Kaninchen können gut mit Geflügel zusammen im gleichen Gehege gehalten werden, was den Bewegungsraum der Tiere gegenüber Einzelgehegen vergrössert
Das Gehege sollte mit Büschen, grossen Steinen, Rundhölzern etc. durchsetzt werden, da Kaninchen instinktiv gerne Deckung aufsuchen.
Der Zaun sollte bis auf eine Höhe von 1 m engmaschig sein (30 mm) und insgesamt eine Höhe von mindestens 1,2 bis 1,8 m aufweisen, da sonst junge Tiere durch die Maschen schlüpfen oder sogar über den Zaun klettern.

Weibchen und Männchen vertragen sich sehr gut
In Gruppen von ausgewachsenen Männchen (Rammler) können Rangkämpfe stattfinden, was aber bei jüngeren Tieren noch unproblematisch ist, wenn sie genügend Ausweich- und Versteckmöglichkeiten haben.
Die Zibbe – so nennt man das Kaninchen-Weibchen – soll nach dem Werfen ihre Nesthöhle bzw. den Stall beim Verlassen mit Stroh, Heu oder Gras verschliessen können, da dies ein angeborener Trieb ist. Als Alternative kann der Stall mit einem kleinen „Klapptürchen“ am Eingang versehen werden (z.B. Gummi- oder Stofflappen).

Ein tiergerechter Nesthaufen für Kaninchen aus Ästen, Zweigen, Stroh und Blätter, mit einer wasserdichten Blache überdeckt, ersetzt den Stall und eignet sich für die ganzjährige Kaninchenhaltung im Freigehege.

In der Dämmerung aktiv
Kaninchen sind typische Dämmerungstiere; ihre Aktivitäten sind durch zwei längere Fressphasen – die eine in der Abend-, die andere in der Morgendämmerung – bestimmt. Dazwischen halten Kaninchen gerne zusammen mit Artgenossen im Schatten ihre Siesta. Sträucher und Bäume sind deshalb ein wichtiger Bestandteil jedes Freigeheges.

Nahrung und sauberes Trinkwasser
Sehr gerne nagen sie an grünen Zweigen, besonders von Obstbäumen, am liebsten im Winter, wenn kein Gras mehr verfüttert werden kann. Im übrigen reicht Gras und Heu in guter Qualität durchaus für die Fütterung. Zusätzliches (Kraft-)Futter ist nicht unbedingt nötig. Hie und da ein Stück hartes Brot oder eine andere Abwechslung (Futterrüben, Rüebli, Getreidekörner) nehmen sie aber gerne. Auch im Sommer sollten sie jederzeit die Möglichkeit haben, sauberes und trockenes Heu aufzunehmen. Heu ist ein ideales Futter, gut für die Verdauung (wichtig als Ergänzung zur Grasfütterung) und als Beschäftigungsmaterial. Wichtig ist täglich frisches Wasser.

Was KonsumentInnen nicht wissen: Viele Mastkaninchen fristen ihr trauriges Dasein in engen Kästen und Käfigen auf Gitterböden.

Nachwuchs
Zum Werfen baut die Zibbe ein Nest aus Gras und Heu. Unmittelbar vor dem Werfen reisst sich das Weibchen an Brust, Bauch und Flanken Haare aus und polstert damit zusätzlich das Nest aus. Die Jungtiere werden nach einer Tragzeit von 31 Tagen als nackte, blinde und taube Nesthocker geboren. Nach etwa drei Wochen erscheinen die Jungtiere erstmals im Freien. Zuchttiere können bis zwölf Jahre alt werden.
Mastkaninchen werden bereits im Alter von drei bis sechs Monaten geschlachtet. Unmittelbar nach dem Werfen können die Zibben vom Bock wieder gedeckt und so im Prinzip alle 31 bis 32 Tage Würfe zur Welt bringen. Das Absetzen (Entwöhnen) der Jungen im Alter von 30 Tagen entspricht dem normalen Zeitpunkt der Entwöhnung. Bei nach dem Werfen erneut trächtigen Zibben versiegt die Milchproduktion etwa am 27. Tag; die Jungen sind dann selbständig. Nicht wieder tragende Mütter können fünf bis sechs Wochen lang säugen. Es gibt keinen Grund, die Jungen in diesem Fall künstlich abzusetzen.

 

Tierschutz